Es war ein herrlicher Tag in Berlin dieser Tage, ich war dort für die Firma und habe den sonnigen Abend genutzt. Die Sonne thronte, die Stadt atmete, und ich rollte auf einem dieser elektrischen Leih-Tretroller beschwingt durch die Gegend. Ein modernes Fortbewegungsmittel für den modernen Menschen in der modernen Stadt, ich mag die DInger. Was könnte schiefgehen?
Mein erster Halt war die Museumsinsel. Wer Berlin kennt, weiß, dass es dort wunderschöne Grünflächen gibt, schattige Plätzchen direkt am Wasser, mit Blick auf prächtige Gebäude, die Jahrhunderte der Geschichte in sich tragen. Ein Ort, an dem man eigentlich innehalten und die Welt um sich herum wahrnehmen möchte. Eigentlich. Denn was ich dort vorfand, war eine beachtliche Ansammlung von Menschen, die mit geradezu monastischer Hingabe auf ihre Smartphones starrten. Sitzend, liegend, lehnend — alle Körperhaltungen waren vertreten, aber die Blickrichtung war stets dieselbe: nach unten, ins Gerät. Kein Gespräch, kein Aufschauen, kein Staunen über die Kulisse. Die Museumsinsel hätte genauso gut ein U-Bahnhof in Marzahn sein können. Es wäre niemandem aufgefallen.
Ich rollte weiter, zunächst noch etwas beschwingt, denn schließlich ist Berlin eine großartige Stadt, wenn man sie aus der Bewegung heraus erlebt. Der Fahrrradstreifen auf einer der breiten Berliner Hauptstraßen lud geradezu ein, Speed and Power. Was weniger einlud, war der Gelenkbus, der mich in einem Moment der offensichtlichen Unaufmerksamkeit seines Fahrers so knapp überholte, dass ich kurz überlegen musste, ob ich eigentlich noch auf dem Roller stand oder schon in einem anderen Aggregatzustand über dem Asphalt schwebte. Ich stand noch. Der Bus fuhr weiter. Kein Hupen, kein Bremsen, keine Reaktion. Nichts. Der Fahrer hatte mich vermutlich schlicht nicht wahrgenommen, weil auch er, wie gefühlt alle anderen, in irgendeiner Form abwesend war. Nicht zwingend am Handy — das will ich ihm nicht unterstellen — aber zumindest gedanklich irgendwo zwischen der letzten Haltestelle und dem nächsten Joint.
Das eigentliche Highlight des Tages erwartete mich dann am Brandenburger Tor. Touristenmagnete haben ja ihren ganz eigenen Charme, und das Brandenburger Tor ist zweifelsohne eines der beeindruckendsten Bauwerke Deutschlands. Blöderweise war davon an diesem Tag wenig zu sehen, weil sich davor eine dichte Menschentraube befand, deren einziges erkennbares Ziel es war, Selfies zu schießen. Das allein wäre noch harmlos. Aber was mich wirklich fesselte, war das Ausmaß der Dramen, die sich dabei entfalteten. Ein Pärchen geriet in hitzigen Streit, weil der eine dem anderen angeblich ins Bild gelaufen war. Andere drängelten sich voreinander, lautes Rufen, vorwurfsvolle Gesten, Entrüstung auf höchstem Niveau. Ein paar Meter weiter brach eine Gruppe in kollektiven Aufschrei aus, weil das Licht nicht stimmte. Das Licht! Am Brandenburger Tor! Als hätte Schinkel das damals schon versaubeutelt. Der Depp……
Man hätte meinen können, es handle sich um eine Naturkatastrophe. Dabei ging es um ein Foto!
Und genau hier liegt der Kern der Sache, der mich auf dieser Rollerfahrt quer durch Berlin beschäftigte. Wir leben in einer Zeit, in der jeder in seiner eigenen kleinen digitalen Blase unterwegs ist, völlig abgeschottet von der Welt, den Menschen und der Umgebung um ihn herum. Die Natur, der Fluss, das Bauwerk, die Geschichte — all das ist zur bloßen Kulisse verkommen, zum Hintergrund für Content, den morgen keiner mehr anschaut. Gleichzeitig aber, und das ist das eigentlich Bemerkenswerte, wird jede Kleinigkeit, die diese Blase berührt oder stört, zum Weltuntergang hochstilisiert. Ein verpatztes Selfie wird zur Tragödie. Ein falscher Blickwinkel zur Beleidigung. Ein fremder Ellbogen im Bild zum Anlass für einen handfesten Konflikt.
Die Gleichgültigkeit gegenüber allem, was um einen herum passiert, und die gleichzeitige Hysterie gegenüber dem, was die eigene Blase betrifft — das ist der Widerspruch unserer Zeit. Draußen hätten mich fast ein Bus umgefahren, und niemanden hätte es gejuckt. Drinnen, also im digitalen Kosmos, bricht wegen eines schlechten Fotos die Welt zusammen.
Man könnte darüber lachen. Ich tue es auch, manchmal. Aber dann kommt wieder dieser leise, hartnäckige Gedanke, dass hier etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Dass wir als Gesellschaft gerade dabei sind, das Gespür füreinander zu verlieren. Für den anderen Menschen, für den Raum, den er einnimmt, für die Rücksicht, die das Zusammenleben eigentlich erfordert. Stattdessen: Kopf runter, Blick aufs Display, Blase zu.
Dabei wäre es so einfach, Handy weg, Kopf hoch und nur beobachten was um einen herum passirt. Ob nun in der STadt, im Wald, in der Bahn, oder wo auch immer. Die Welt ist voller Eindrücke, Szenen, Gerüche und Farben……..natürlicher Content.
Berlin war trotzdem schön. Der E-Roller hat überlebt. Und ich auch.
Tageserkenntnis